Betreff: Lotte

Neulich war Herrchen wieder einmal beim Frisör. Mich macht das eifersüchtig, denn in dem Salon ist Lotte. Lotte ist ein Pudel, etwa so groß wie ich. Er gehört der Inhaberin, trägt ein hübsches Zöpfchen steil über dem Kopf (vulgo Fick-Palme) und arbeitet als Salonhund.

 

Die Belastung dabei dürfte nicht allzu groß sein, es gibt viele Streicheleien von den Kunden, allerdings auch den langen Arbeitstag. Lotte sieht den Salon als ihren eigenen an, sie nimmt zum Beispiel alle Sitzgelegenheiten im Wartebereich für sich in Anspruch.

Wenn Herrchen frisiert zurückkommt, riecht er eben nicht nur nach Haarspray, sondern auch unverzeihlich nach Lotte. Und war es sogar die Begegnung mit Salon-Lotte, dass er sich zu Hause Thomas Manns „Lotte in Weimar“ wieder vornahm? Den Roman, sagte er mir, habe er bestimmt so oft gelesen, wie er mit mir bei meiner Hausärztin gewesen sei. Seltsamer Vergleich, weder heißt meine Hausärztin Lotte noch ist sie eine ältere Dame mit heißer Vergangenheit.

Denn darum geht es ja in dem Roman: Die alte Charlotte kommt nach Weimar, um ihre Jugendliebe Goethe wiederzutreffen. Diese Jugendliebe war freilich eine Dreierbeziehung. Um Lotte bemühte sich der genialisch-rücksichtslose Goethe und ein biederer Ehrenmann, ein Herr Kestner. Kestners Solidität gewann, und doch konnte Lotte ihren Goethe nie vergessen. Goethe machte aus dieser Geschichte seinen ersten Kassenschlager, den „Werther“-Briefroman.

Ich lebe übrigens auch in einer Dreierbeziehung. Außer mir gibt es im Haushalt einerseits mein nüchternes, phantasieloses, pedantisch-verlässliches Herrchen, andererseits Frauchen: große Küche, Spaziergänge mit der emotionalen Bindung einer Leine, herrliche, wurststückgestützte Spiele und Schmusereien bis der Arzt kommt. Und doch, im Fall des Falles würde ich mich vermutlich für meinen Kestner entscheiden.

Zum Glück muss ich mich nicht entscheiden. Im Gegenteil. Gerade ist Frauchen zu uns gezogen, bislang musste sie unter Woche noch anderswo arbeiten. Das optimiert meine Betreuung ins Optimum. Ich, ein acht Jahre alter Hund, finde das wichtig schon mit Blick auf das, was der Goethe in der  „Lotte“ sagt (dort freilich mit Blick auf Kölnisch Wasser, bei mir träfe es eher auf ein Ei oder Leberwurst zu): „Die kleinen Beihilfen und Wohltaten des Lebens, musst du wissen, werden zur Hauptsache, wenn's mit dem Leben selbst und den Heldentaten gar zu Ende geht.“

 

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