Betreff: Sammeln

Wenn Frauchen und Herrchen sich zu ihrer Mittagsmahlzeit an den Tisch setzen, kann ich darauf warten, dass Herrchens perfide Frage kommt: „Müssen wir wieder sammeln?“

 

Früher gab es diese Frage nicht. Da hat Herrchen seinen Teller so regelmäßig wie gewissenlos leergeputzt. Bis er eines Tages bemerkte, dass Frauchen dann und wann Reste ihres Essens, vorwiegend Fleisch- oder Fischstückchen, auf dem Tellerrand platzierte oder für diesen Zweck sogar ein eigenes Tellerchen auf den Tisch gestellt hatte. Herrchen war natürlich gleich klar, dass diese Reste für mich gedacht waren. Er zog zwar Frauchen deswegen auf, nahm es aber doch andererseits als Anregung und legte fortan ebenfalls Stücke beiseite. Ja, es entstand geradezu ein kleiner Wettbewerb zwischen Herrchen und Frauchen, wer mehr für mich bereitstellen würde.

Ich sah es mit Wohlgefallen. Ich bekam Appetit, wenn ich den beiden beim Essen – oder vielmehr Sammeln – zuschaute. Aber in Herrchens Frage schwingt eben auch einiges Unappetitliche mit: „Müssen wir wieder sammeln?“ Schon dass er es in eine Frage kleidet und nicht in eine fröhliche Aufforderung, berührt mich unangenehm. Darin lese ich, dass er eigentlich nichts von seinen Portionen abgeben möchte, sondern sich nur genötigt sieht. Und dann das herablassende Wort „sammeln“. Als wäre ich darauf angewiesen, dass für mich gesammelt wird, ich bin versorgt. Als wäre es für irgendwen bedeutsam, dass die beiden sich von ihrem Essen etwas absparen.

Am schlimmsten an der Frage aber ist, dass es in Wirklichkeit gar keine Frage ist. Herrchen macht sich vielmehr lustig über Frauchens rudelbildende Maßnahme des Sammelns. Ja, er macht sich damit auch lustig über all das, was in Frauchens großer Geste steckt: Gemeinschaftsgefühl, Solidarität, Mitgefühl, Verlässlichkeit, Teilhabe, Takt, Liebe.

Im Grunde müsste ich aus Protest auf Herrchens Gaben verzichten. Aber dann ist es doch so, dass alles Gesammelte niemals direkt am Tisch gereicht wird, natürlich nicht, sondern nach Tisch. Dann aber ist mir eine Differenzierung nicht mehr möglich, wer was gegeben hat. Also stehe ich vor der Frage: Alles oder nichts? In solchen Fällen pflege ich mich grundsätzlich für alles zu entscheiden.

Kommentare

  1. 🤣🤣😂 So philosophisch kann es also zugehen : alles oder nichts, am Tisch sein oder nicht sein sind die eigentlich wichtigsten Fragen des Lebens...

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  2. Wie? Du sitzt nicht mit am Tisch und hast dein eigenes Tellerchen und Becherchen? Wirst du nicht mit Hühnerherzen auf der Gabel aufgespießt gefüttert?!? 🤨
    Dann lass das bloß nicht mein Frauchen wissen...

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  3. Elvis, so ist das: Essen schmeckt auch ohne große Geste. Zum Glück!

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  4. PS Was für ein tolles Foto - Herrchen mit Kopf in den Wolken!

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