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Betreff: Aus dem Tagebuch

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Montag Herrchen führt uns beim Gassigang zum offenen Bücherschrank im Nachbardorf. Der aber ist nicht offen, sondern wegen schlechten Wetters zu. Auf dem Rückweg finden wir merkwürdigerweise einen Schraubenschlüssel. Herrchen nimmt ihn mit, obwohl er mit solchen Dingen nicht umzugehen versteht. So etwas ist bei uns eher Frauchens Sache. Immerhin weiß er, dass es sich um einen Schraubenschlüssel handelt.   Dienstag Letztlich fällt es auf Herrchen zurück, wenn ich ihm abhaue, erst recht mitten im Wald. Er erzählt es Frauchen zu Hause vorsichtshalber gar nicht und macht später sogar noch ein lustiges Suchspiel mit mir, als fände mein Abhauen seine Anerkennung. Wäre Frauchen nicht dagewesen, er hätte das Suchspiel gelassen, ja, er hätte ein paar Stunden lang nicht mit mir geredet. Mittwoch Zwei Eigelbe werden für einen Kuchen benötigt. Da haben sie die Stirn, mir am Abend nur die beiden Rest-Eiweiße gebraten anzubieten. Ich protestiere, indem ich eine Zehntelsekunde vor dem Nap...

Betreff: Ländlicher Raum

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Unser Dorf hat Stadtrecht. Findiges Lokalmarketing könnte uns sogar zu einer Residenzstadt erheben. Vor langer Zeit hat mal eine Herzoginwitwe hier das Herzogtum stellvertretend und für ein Jahr regiert, ob mit Hund weiß ich nicht.   Wenn man mit „städtisch“ allerdings meint, dass viele Menschen da sind, könnte man ein städtisches Empfinden bei uns im Sommer haben. Unsere herbe Landschaft zieht dann tausende Menschen an, die sonst offenbar in einer noch viel herberen Landschaft leben. In den Sommern gibt es auch regelmäßig Ärger mit Hunden. Einmal ist ein Urlauberhund – ein schöner Begriff übrigens – abgehauen. Er war Wochen unterwegs, und als man ihn fand, hatte er acht Kilo abgenommen. Immerhin kam er damit in die Zeitung. Mir wäre das nichts. Wann immer ich abhaue, muss die nächste Mahlzeit mitgedacht sein, also maximal eine Viertelstunde Fernbleiben. Nachteil: Ich komme damit nicht in die Zeitung. Wir wohnen am Rand unserer Dorfstadt. Hinter uns eine ausgedehnte Wiese....

Betreff: Boxenstopp

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In meinem Zuhause besitze ich noch ein spezielles Zuhause. Damit meine ich eine Box, die strategisch günstig mitten in der Wohnung steht, apart unter eine Treppe gerückt, und mir den Blick ermöglicht auf alle für mich wichtigen Punkte im Haus, also Haustür, Küche und Fellpflege-Kaminbereich.    Wenn Frauchen mich in die Box schickt, sagt sie: „Geh nach Hause“ oder nur „Nach Hause“ – und ich trolle mich dorthin. Das geschieht zum Beispiel, wenn ich vor dem Postboten an der Tür geschützt werden muss. Umgekehrt nutze ich die Box als Rückzugsort, wenn mir das Rudel zu viel wird. Nicht zuletzt hat die Box den Vorteil, dass Herrchen nur einmal am Tag, nämlich zum Gute-Nacht-Sagen, halb hineinkriecht. Hat er doch das Problem, anschließend wieder hoch zu kommen. Ich kann es selbst nicht erklären, weshalb ich meine Box über Wochen habe links liegen gelassen. Ich lag lieber auf meinem Kissen in der Küche oder auf meinem ergonomischen Hundesofa in Frauchens – ich sollte wohl besser sag...

Betreff: Keine Ahnung

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Mit Atilla aus der Nachbarschaft ist es wie mit dem berühmten Atilla und seinen Hunnen: Auf einmal steht er da, gekommen aus dem Nichts. Neulich erst beim Morgengang. Zum Glück leiten meinen Freund Atilla keine kriegerischen Absichten, im Gegenteil. Wir freuten uns, einander mal wieder zu sehen, und plauderten noch etwas, und zwar, um einen modernen Ausdruck zu gebrauchen, „auf Augenhöhe“.   Es gibt wenige Hunde, mit denen ich „auf Augenhöhe“ bin. Mit Clio natürlich, einem Vizsla, oder dem Pyrenäischen Berghund bei der Hühnerfarm. Aber was soll ich etwa mit einem Chihuahua, bei dem der Name länger ist als der ganze Hund. Auch mit Dackeln kann ich nichts anfangen und mache bei entsprechenden Begegnungen Radau, ausgenommen bei der zurückhaltenden Susi, die ich aber auch nur selten sehe. Ein Hund ist also keineswegs ein Hund. „Ein Hund“ ist viel zu abstrakt für die Alltagswirklichkeit. Herrchen machte mich darauf aufmerksam, dass auch in Robert Musils endlosem Roman „Der Mann ohne E...

Betreff: Stellen

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Von Arnold Schwarzenegger soll der Satz stammen, den ich hier etwas frei wiedergebe: Ich habe Muskeln an Stellen, da hat dein Herrchen nicht mal Stellen. Nun lässt sich spekulieren, was genau Schwarzenegger mit Stellen gemeint hat, aber Herrchens leptosome Kraftlosigkeit ist so oder so unübersehbar. Er hat auch noch nie einen Film mit Schwarzenegger gesehen, vermutlich aus Neid.    Ich für meinen Teil habe sehr wohl Muskeln und Stellen. Vor allem meine Hinterläufe würde Schwarzenegger staunend betasten und mich, drehte er noch Terminator-Filme, sofort engagieren.  Davon jetzt einmal abgesehen, erheitert mich oft der Gedanke, dass ich Schwarzeneggers Satz hübsch umformulieren könnte: Ich habe Stellen gesehen, da würde Herrchen nicht einmal vermuten, dass es Stellen gibt. So wie neulich, wo ich Gelegenheit nahm, mich am Hopfensee umzuschauen. Wer kennt den Hopfensee? Er liegt in meinem Heimatort, eigentlich mitten in der Ortslage, aber schwer, ja eigentlich unmöglich zu err...

Betreff: Gepelltes Ei

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Herrchen und ich, wir sind uns zumindest in einem Punkt einig: Wir gründen unser Leben gern auf Gewohnheiten. Alles ist möglichst wie immer, jede Stunde, jeder Tag, jede Woche. Positiv lässt sich das als verlässlich bezeichnen, negativ als langweilig.    Frauchen sieht unser Bestreben, von Gewohntem nicht abweichen zu wollen, prompt als langweilig an. Allerdings muss auch sie bemerken, wenn sie mal länger bei uns ist als nur am Wochenende, dass unsere Gewohnheiten nicht etwa Ausflüsse aus Herrchens langweiligem Wesen sind, sondern sich aus den Umständen und unseren Bedürfnissen gleichsam von selbst ergeben. Frauchen hat doch im Grunde auch gar nichts dagegen, wenn ich sie morgens mit überraschendem Küsschen wecke, nur weil Herrchen mich schickt wegen fertigen Frühstücks und so. Obgleich sie natürlich gern länger schliefe. Selbstverständlich lassen sich Gewohnheiten aktiv ändern. Ich gebe zwei feinsinnige Beispiele. Wenn am Sonntagmorgen am Frühstückstisch von Frauchen und He...

Betreff: Sammeln

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Wenn Frauchen und Herrchen sich zu ihrer Mittagsmahlzeit an den Tisch setzen, kann ich darauf warten, dass Herrchens perfide Frage kommt: „Müssen wir wieder sammeln?“   Früher gab es diese Frage nicht. Da hat Herrchen seinen Teller so regelmäßig wie gewissenlos leergeputzt. Bis er eines Tages bemerkte, dass Frauchen dann und wann Reste ihres Essens, vorwiegend Fleisch- oder Fischstückchen, auf dem Tellerrand platzierte oder für diesen Zweck sogar ein eigenes Tellerchen auf den Tisch gestellt hatte. Herrchen war natürlich gleich klar, dass diese Reste für mich gedacht waren. Er zog zwar Frauchen deswegen auf, nahm es aber doch andererseits als Anregung und legte fortan ebenfalls Stücke beiseite. Ja, es entstand geradezu ein kleiner Wettbewerb zwischen Herrchen und Frauchen, wer mehr für mich bereitstellen würde. Ich sah es mit Wohlgefallen. Ich bekam Appetit, wenn ich den beiden beim Essen – oder vielmehr Sammeln – zuschaute. Aber in Herrchens Frage schwingt eben auch einiges Unap...