Betreff: Gepelltes Ei
Herrchen und ich, wir sind uns zumindest in einem Punkt einig: Wir gründen unser Leben gern auf Gewohnheiten. Alles ist möglichst wie immer, jede Stunde, jeder Tag, jede Woche. Positiv lässt sich das als verlässlich bezeichnen, negativ als langweilig.
Frauchen sieht unser Bestreben, von Gewohntem nicht abweichen zu wollen, prompt als langweilig an. Allerdings muss auch sie bemerken, wenn sie mal länger bei uns ist als nur am Wochenende, dass unsere Gewohnheiten nicht etwa Ausflüsse aus Herrchens langweiligem Wesen sind, sondern sich aus den Umständen und unseren Bedürfnissen gleichsam von selbst ergeben. Frauchen hat doch im Grunde auch gar nichts dagegen, wenn ich sie morgens mit überraschendem Küsschen wecke, nur weil Herrchen mich schickt wegen fertigen Frühstücks und so. Obgleich sie natürlich gern länger schliefe.
Selbstverständlich lassen sich Gewohnheiten aktiv ändern. Ich gebe zwei feinsinnige Beispiele. Wenn am Sonntagmorgen am Frühstückstisch von Frauchen und Herrchen die gekochten Eier für sie selbst bepocht und gepellt werden, interessiert mich das nicht mehr wie früher, ich schlafe einfach weiter. Geschieht das Pochen und Pellen jedoch abends, bin ich sogleich in der Küche, denn das Ei ist bestimmt für mich.
Früher bin ich in Erwartung meines Abendessens immer schon durch die Küche gesprungen, wenn Herrchen die Kaffeemühle anwarf. Ich stellte dann aber fest, dass es bis zu meinem Napf immer noch eine Weile dauerte, weil Herrchen zuerst mit seinem ganzen Kaffeekram beschäftigt ist. Jetzt bleibe ich liegen, bis er mir den frischen Wassernapf hinstellt unter dem gewohnheitsmäßigen Ruf: „Die Bar ist eröffnet.“ Steht das Getränk da, so lehrt die Gewohnheit, kommt das Essen auch rasch. Also veranlasst mich der Wasserstrahl in meinen Napf, flugs in die Küche zu eilen.
Ich verbreite mich so ausführlich über Gewohnheiten, weil sie nicht nur uns betreffen, sondern im Gegenteil sehr verbreitet sind. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb neulich über Thomas Manns Verhältnis zu seinen Hunden. Und zwar unter der These, dass die Hunde Thomas Mann beim Durchhalten seiner Gewohnheiten geholfen und damit großen Anteil an seinem Werk hätten. Denn er sei so verhindert worden, in ein zweifelhaftes, noch dazu homoerotisches Künstlerleben abzugleiten. Ich würde so etwas Phantastisches auch gern über meine Rolle bei Herrchen sagen, selbst wenn von Künstlerleben bei ihm natürlich nicht die Rede sein kann. Aber den Zahn hat mir Frauchen gezogen: „Herrchen war auch vor dir ein Gewohnheitsmensch. Du stützt ihn nicht, du gibst ihm allenfalls Deckung.“
Freilich, nicht immer lassen sich die Gewohnheiten durchhalten. Nehmen wir nur Besuch oder überhaupt Begegnungen mit Bekannten von Herrchen. Da muss man als Hund flexibel im Umgang sein, denn es ist so, wie es Robert Musil (erst Thomas Mann, jetzt Robert Musil – was ist denn heute los?) schrieb, dass nämlich „ein Hund die Freunde seines Hauses liebt mit einem Gefühl und doch verschiedenen Gerüchen, die aufregende Abwechslung bedeuten“. Sehr gut erkannt. Fast möchte man hier ein bayerischen Sprichwort wortwörtlich nehmen, auch wenn Musil Österreicher war: A Hund is a scho.

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