Betreff: Boxenstopp
In meinem Zuhause besitze ich noch ein spezielles Zuhause. Damit meine ich eine Box, die strategisch günstig mitten in der Wohnung steht, apart unter eine Treppe gerückt, und mir den Blick ermöglicht auf alle für mich wichtigen Punkte im Haus, also Haustür, Küche und Fellpflege-Kaminbereich.
Wenn Frauchen mich in die Box schickt, sagt sie: „Geh nach Hause“ oder nur „Nach Hause“ – und ich trolle mich dorthin. Das geschieht zum Beispiel, wenn ich vor dem Postboten an der Tür geschützt werden muss. Umgekehrt nutze ich die Box als Rückzugsort, wenn mir das Rudel zu viel wird. Nicht zuletzt hat die Box den Vorteil, dass Herrchen nur einmal am Tag, nämlich zum Gute-Nacht-Sagen, halb hineinkriecht. Hat er doch das Problem, anschließend wieder hoch zu kommen.
Ich kann es selbst nicht erklären, weshalb ich meine Box über Wochen habe links liegen gelassen. Ich lag lieber auf meinem Kissen in der Küche oder auf meinem ergonomischen Hundesofa in Frauchens – ich sollte wohl besser sagen meinem – Zimmer.
Neulich aber bin ich doch wieder in die Box gekrochen. Und Herrchen, der nichts unkommentiert lassen kann, kommentierte: „Ah, die Wiederentdeckung der Box, schau an. Da hat sich die Investition doch gelohnt.“ Das waren gleich zwei Bösartigkeiten.
Zum einen spielte er darauf an, dass die Box offenbar nicht ganz billig war. Sie wurde von Frauchen aus Schleswig-Holstein herangekarrt. Der Mann, der solche Boxen baut, lobte preistreibend an seinem Produkt, dass die Tür durch einen Haken verschließbar sei, der zum Öffnen nach oben weggedreht werden müsse, was kein Hund schaffe. Er wies auch darauf hin, dass die Stäbe aus Metall seien, da beiße kein Hund rein.
Hier muss ich nun einfügen, dass ich die Tür beim ersten Boxenstopp schon geöffnet bekam, ich musste nicht einmal nachdenken. Und wer sich anschauen möchte, wie durch meine Zähne verformte Metallstäbe aussehen – bitte, ich präsentiere das gern.
Herrchens zweite Bösartigkeit, um darauf zurückzukommen, lag in dem Wort Wiederentdeckung. Für ihn ist das eine Phrase. Aktuell fühlt er sich darin bestätigt durch ein Buch, das „Von der Schönheit der deutschen Sprache – eine Wiederentdeckung“ heißt. Herrchen nörgelte, wieso müsse man die Schönheit der deutschen Sprache wiederentdecken, die sei doch nie vergessen worden, im Gegenteil. Und wieso gebe es ein eigenes Kapitel darin über die Frage, ob man Deutsch singen könne. Jedem deutschen Kind falle doch sogleich ein deutsch gesungenes Lied ein.
Und dann gab es kein Halten mehr: Was werde nicht alles wiederentdeckt in Büchern, die niemand braucht, die aber auf der Spiegel-Bestenliste stehen: der Mensch, die Natur, das Lebendige, der Staat. Eine echte Wiederentdeckung kenne er, Herrchen, nur, wenn ich mal wieder allein unterwegs gewesen sei und er mich endlich finde.
Na, da war er dann wieder bei seinem Lieblingsthema aus dem Bereich der Schlechtgelauntheit. Lassen wir ihn tottern, ich genieße die Box, wo ich auf einem wochenlang nicht gewaschenen Fell mich gleichsam selbst wiederentdecke. Vielleicht hat genau das mich in die Box zurückgebracht, denn Frauchen ist immer schnell dabei, meine Sachen in die Waschmaschine zu stopfen und mit ihnen das Odeur meiner Persönlichkeit.

Elvis, über Bestenlisten regt sich dein Herrchen zurecht auf. Gönne ihm unbedingt diese Freude!
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