Betreff: Keine Ahnung
Mit Atilla aus der Nachbarschaft ist es wie mit dem berühmten Atilla und seinen Hunnen: Auf einmal steht er da, gekommen aus dem Nichts. Neulich erst beim Morgengang. Zum Glück leiten meinen Freund Atilla keine kriegerischen Absichten, im Gegenteil. Wir freuten uns, einander mal wieder zu sehen, und plauderten noch etwas, und zwar, um einen modernen Ausdruck zu gebrauchen, „auf Augenhöhe“.
Es gibt wenige Hunde, mit denen ich „auf Augenhöhe“ bin. Mit Clio natürlich, einem Vizsla, oder dem Pyrenäischen Berghund bei der Hühnerfarm. Aber was soll ich etwa mit einem Chihuahua, bei dem der Name länger ist als der ganze Hund. Auch mit Dackeln kann ich nichts anfangen und mache bei entsprechenden Begegnungen Radau, ausgenommen bei der zurückhaltenden Susi, die ich aber auch nur selten sehe.
Ein Hund ist also keineswegs ein Hund. „Ein Hund“ ist viel zu abstrakt für die Alltagswirklichkeit. Herrchen machte mich darauf aufmerksam, dass auch in Robert Musils endlosem Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ von diesem Zusammenhang die Rede ist, allerdings in lächerlich aufgeblasener literarischer Weise. Denn dass ein Hund noch lange nicht ein Hund ist – das benutzt Musil als ein Gleichnis: „Sie haben immer nur etwas gesehen, was Ihnen mit mehr oder weniger Recht als ein Hund vorkam. Es hat nicht alle Hundeeigenschaften, und irgendetwas Persönliches hat es, das wieder kein anderer Hund hat.“ Schön, schön, aber dann geht es gar nicht um Hunde, sondern um die seelischen Zustände einer Frau.
Solche verqueren Gleichnisse hat Musil mehrere drauf. Etwa bei dem Umstand, dass Hunde beim Markieren die belebte Ecke einem einsamen Felsen vorziehen. Jetzt das Gleichnis, das sich auf kläffende Literaturkritiker bezieht: „Wie sollten da nicht Menschen, die den höheren Drang haben, ihren Namen öffentlich zu hinterlassen, einen Fels wählen, der offenkundig einsam ist.“
Und einmal spricht Musil, ebenfalls in einem Gleichnis, von großen Hunden, die sich über kleine hermachen. Auch das ist literarischer Unsinn, denn es sind doch meistens die kleinen Hunde, die sich über die großen hermachen. Wie in den Ehen, um auch mal ein Gleichnis zu wagen, wo immer die Frauen das Sagen haben, nie die Männer.
Herrchen liest die vielen tausend Seiten des Romans mit Begeisterung. Mir reichen die Hunde-Gleichnisse, um Herrchen zu sagen, dass Musil keine Ahnung von Hunden habe. Worauf Herrchen von seiner Lektüre aufsieht und sagt: „Mein Lieber, ich habe mein ganzes Leben lang über Dinge geschrieben, von denen ich keine Ahnung hatte.“
Woraufhin ich bei mir dachte: Stimmt, von Hunden hat er so wenig Ahnung wie Musil. Kinder, wo bin ich bloß hingeraten. Wenn ich dagegen Atillas Herrchen sehe, der hat Ahnung. Der braucht nur zu pfeifen und Atilla verabschiedet sich im Augenblick.

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