Betreff: Ländlicher Raum

Unser Dorf hat Stadtrecht. Findiges Lokalmarketing könnte uns sogar zu einer Residenzstadt erheben. Vor langer Zeit hat mal eine Herzoginwitwe hier das Herzogtum stellvertretend und für ein Jahr regiert, ob mit Hund weiß ich nicht.

 

Wenn man mit „städtisch“ allerdings meint, dass viele Menschen da sind, könnte man ein städtisches Empfinden bei uns im Sommer haben. Unsere herbe Landschaft zieht dann tausende Menschen an, die sonst offenbar in einer noch viel herberen Landschaft leben. In den Sommern gibt es auch regelmäßig Ärger mit Hunden.

Einmal ist ein Urlauberhund – ein schöner Begriff übrigens – abgehauen. Er war Wochen unterwegs, und als man ihn fand, hatte er acht Kilo abgenommen. Immerhin kam er damit in die Zeitung. Mir wäre das nichts. Wann immer ich abhaue, muss die nächste Mahlzeit mitgedacht sein, also maximal eine Viertelstunde Fernbleiben. Nachteil: Ich komme damit nicht in die Zeitung.

Wir wohnen am Rand unserer Dorfstadt. Hinter uns eine ausgedehnte Wiese. Ich kann also gleich hinter unserem Haus losstürmen, mir muss nur die Gartenpforte geöffnet werden. In meiner Jugend habe ich sie einfach übersprungen.

Als wir neulich mal zusammen unterwegs waren, Ella mit Herrchen und ich mit Herrchen, kam die Rede auf die Schweiz und Österreich. Wie reglementiert dort alles sei und ohne Leine bei Hunden gar nichts gehe. Wie freuten wir uns da alle, dass wir ohne Leine in unserer herben Landschaft stundenlang unterwegs sein können und wie gut das ist für Körper und Seele. Oder um es mit Oswald Spengler zu sagen, der auf den Punkt gebracht hat, was einen tollen Gassigang auszeichnet: „Das Tiefenerlebnis dehnt die Empfindung zur Welt.“

Wie anders die Stadt. Vor allem Berlin, das so weit entfernt nicht liegt und eine dieser Riesenstädte ist, von denen Spengler uns erklärt hat: Sie stehen für den Untergang, hier fängt er an, in unserem Fall „Der Untergang des Abendlandes“, wie auch sein unvergleichliches Buch heißt. Ja, diesen Untergang fühle ich immer, wenn es doch einmal nach Berlin geht. Einmal habe ich ins Auto gekotzt, einmal mitten auf der Invalidenstraße im dichten Verkehr einen Durchfall bewältigt, einmal in der Schlossstraße eine Hundebegegnung hingelegt, von der alle Passanten was hatten.

Zu Hause sind wir im „ländlichen Raum“. Dieser von Städtern erfundene Begriff soll uns vor allem abwerten: Da ist nichts los, da leben die Doofen. Aber das stimmt nicht, die Abenteuer bei uns entstehen im Kopf. Spengler marschiert in gewisser Weise bei uns immer mit, etwa in der Standardsituation, wenn Herrchen mich ruft und ich nicht daran denke, mich zu ihm zu gesellen. Spengler erklärt uns, woran das liegt: Unser Horizont nämlich, der von Herrchen und mir, sei so verschieden, „dass aus der Mitteilung ein Vorbeireden wird“.

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