Betreff: Sackgasse
Was sind Sackgassen doch übel beleumdet. Sie stehen für Irrtümer, Scheitern, Ausweglosigkeit. Ich ahnte gar nicht, dass es bei einem derartig schlechten Ruf Sackgassen tatsächlich gibt. Und nun wohne ich auch noch in einer solchen. Denn ich lernte Sackgassen erst kennen, als ich bei Herrchen in seine Sackgasse einzog.
Zuerst bemerkte ich das gar nicht. Gassi-Gänge immer nur in eine Richtung und Rückkehr aus dieser Richtung, ich nahm es hin. Hinzu kam von Anfang an, dass unsere Sackgasse für mich keineswegs Ausweglosigkeit darstellt. Ich begriff sogleich, wie die Gartenpforte hinten zu öffnen ist oder die Pforte zum Garten der Nachbarin. Außerdem kenne ich Stellen, wo ich jederzeit unser umzäuntes Grundstück ohne Herrchens Wissen und Erlaubnis verlassen kann. Ich möchte das hier nicht näher ausführen, um Herrchen nicht auf den Gedanken zu bringen, diese Schlupflöcher zu schließen.
Hinter unserem Haus ist jedenfalls keine Sackgasse, natürlich nicht, da erstreckt sich eine große Wiese, dahinter steht der Wald. Da habe ich Auslauf ohne Ende. Da sind Rehe, Hasen, Füchse, Dachse, auch Katzen, und wenn nicht das, dann wenigstens doch interessante Gerüche.
Unsere Sackgasse jedoch, vorn die Straße, habe ich nun wirklich in den vielen Jahren bei Herrchen abgerochen, ich habe sie satt. Irgendwann ging ich zum Protest über. Ich stemme meine vier Pfoten auf den Asphalt, als wäre ich Klimakleber, und gehe, ein angewidertes Gesicht dabei zeigend, einfach nicht weiter.
Da Herrchen solcher Protest regelmäßig irritiert und er manchmal sogar nachgibt, bin ich inzwischen dazu übergangenen, dieses probate Mittel nicht nur in unserer Sackgasse anzuwenden. Wobei ich zugebe, dass meine Klimakleberei dann schlicht aus Vergnügen geschieht. Herrchen zu ärgern, am liebsten natürlich an Stellen weitab von unserem Zuhause, damit er dann in Panik gerät, wie er mich nach Hause bringen soll, wenn ich nicht weiterlaufe – herrlich!
Herrchen lobt natürlich seine Sackgasse, auch wenn er versichert, damals bei der Grundstücksuche keineswegs auf eine Sackgasse aus gewesen zu sein. Aber nun ist es so, wie es ist. „Wir haben es so ruhig, da können wir nach Innen schauen, und die Gedanken finden viel Raum.“ So oder so ähnlich spricht er. Die Gedanken! Herrchen kommt dann unvermeidlich auf Kant, der sein ganzes Leben lang Königsberg nicht verlassen hat, so wie Herrchen am liebsten unser Sackgassengrundstück gar nicht mehr verlassen möchte – außer zum Gassigehen, versteht sich.
Aber Kant ist nun wirklich ein albernes Argument. Kant wohnte ja nicht in einer Sackgasse. Und dann haben die Zeitgeistler Kant doch gerade als Rassisten erledigt. Herrchen mit seinem Kant – das eben ist ein Beispiel für eine geistige Sackgasse.
Der einzige wirkliche Vorteil, den ich im Sackgassenbewohnen sehe: Wenn die Post kommt oder irgendwelche Fremden, bleiben sie ohne Chance auf rasche Flucht vor mir. Das klappt allerdings auch nur dann, wenn Frauchen mal wieder vergessen hat, die Gartentür vorn zu schließen. Wobei: Mit breiter Brust hinter dem Gartenzaun zu stehen und Ansagen zu machen tut auch seine einschüchternde Wirkung. Leider geschieht es viel zu selten. Denn meist liegt unsere Sackgasse sackgassenöde leer da.
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Lieber Elvis, dann pass aber auf, dass dein Herrchen bei der ganzen Innenschauerei nicht auf die Idee kommt, demnächst Rollerscates (gibt es die überhaupt noch?) für dich zu kaufen, um dich bei einem erneuten Anfall von Klimakleberei nach Hause rollen zu können.
AntwortenLöschenGerne auch mit Foto übrigens😉
Für manchen Postboten ist deine Sackgasse wie ein Schwarzes Loch, einmal betreten ist ein Herauskommen unmöglich
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