Betreff: Schnüffeln
Neulich kam mir kurz vor unserer Wiese ein Eichhörnchen in die Quere. Ich hinterher, die Bäume anspringend, wo es saß, so dass das Holz splitterte, meinen Jagdruf weithin erschallen lassend, der Zapfen nicht achtend, die es nach mir warf.
Schließlich machte ich mich daran, weiträumig die Umgebung abzuschnüffeln, ob ich nicht den Wege des Eichhörnchens wenigstens am Boden erkunden könnte, um es dort zu überraschen. Nun, ich hatte zwar keinen Erfolg. Aber seitdem muss ich immer wieder zu dieser Stelle hin, getrieben von der Erinnerung, hier herumgesprungen zu sein, und in der Hoffnung, vielleicht wieder einmal derart herumspringen zu können.
Erst im Nachhinein fiel mir auf, mit welcher Gelassenheit Herrchen mein Gebaren hinnahm und hinnimmt. Er sieht sich kurz die Szene an, schreitet dann weiter und setzt mich dadurch letztlich unter Druck, ihm nach einer gewissen Anstandsfrist zu folgen.
Inzwischen bin ich zu dem Schluss gekommen, dass Herrchen solche Erlebnisse zu tolerieren vermag, weil er sie nur zu gut auch aus dem eigenen Leben kennt. In der Leipziger Universitätsbuchhandlung fand er vor Jahrzehnten in einer Nische immer wieder für ihn interessante Bücher, was dazu führte, dass er in seiner Studentenzeit praktisch täglich diese Nische abschnüffelte, meistens natürlich ohne Erfolg.
Oder dieser offene Bücherschrank, wo er irgendwann einmal eine Originalausgabe eines Romans von Heimito von Doderer fand. Seitdem muss er zu diesem Bücherschrank hin, wann immer sich dazu eine Gelegenheit findet. Es hält ihn auch nicht ab, dass er sowieso nur auf Charlotte Link, Nikolas Sparks, Noah Gordon, Heinz G. Konsalik oder alte DDR-Schwarten, die sowieso keiner will, trifft.
Er kehrt gern zurück an Orte, wo er mal einen guten Einfall hatte. Wie etwa auf das Gut Groß Schwansee, wo ihm ein ganzer Roman einfiel – ich war dabei. Und erst, wenn Frauen ins Spiel kommen! Immer wieder musste er früher hin, wo er mal eine gesehen oder zufällig getroffen hatte, die ihm bemerkenswert erschien. Oder mit der er sogar schon verabredet gewesen war und sich bei solchen Gelegenheiten, wäre es nur nach seinem Hormonhaushalt gegangen, ähnlich benommen hätte wie ich beim Eichhörnchen.
Gut, das ist vorbei. Aber bis heute gehen wir manche Wege gasseln, wo er auf eine abermalige Begegnung hofft, nur weil es eine solche – freilich völlig harmlose – vor Jahren einmal gab. Vor Jahren! So lange behalte ich mein Eichhörnchen bestimmt nicht in Erinnerung. Wobei mir bei dieser Gelegenheit einfällt: Am Dachsbau bei uns hinter dem Haus bin ich lange nicht mehr gewesen…
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