Betreff: Nudeln

Wenn wir meine Rudelaufstellung etwas sehr großzügig auslegen, bin ich der Onkel eines Geschwisterpaares. Freilich sind es keine Hunde, und das ist auch gut so. Und da sind wir auch schon bei der Nudel.

 

Mein kleiner Neffe mag zwar Nudeln, am liebsten nur mit Käse bestreut, aber er ist kein großer Esser, wie man so sagt. Durch ihn bin ich eigentlich überhaupt erst zur Nudel gekommen. Früher ließ er mal etwas fallen, heute lässt er den halbvollen Teller einfach auf dem Tisch stehen. So wie neulich: Große Rudelverabschiedung vorn am Auto, ich stillschweigend zurück in die Küche und den Teller schrankfertig geputzt.

Meine Nichte ist jünger und lässt sich auf ein besonderes Spiel ein. Sie hält eine Nudel in ihrer kleinen Faust und schwenkt sie, und wir beide, sie und ich, lauern darauf, wohin ihr Fäustchen sich wendet – zu ihrem Mund (oder ihrer Nase oder ihrem Auge, motorisch geht das noch nicht so perfekt) oder in meine Richtung, wo sie entweder die Faust öffnet – zack, da schafft es die Nudel nicht bis zum Küchenboden – oder ich mir behutsam nehme, was dann ja wohl für mich sein soll. So teilen wir liebevoll.

Erst durch mein Teigwarenverhältnis zu Nichte und Neffen haben Herrchen und Frauchen meine Liebe zur Nudel überhaupt wahrgenommen. Auch für mich reicht Spaghetti oder Penne nur mit Käse bestreut, etwas Öl geht natürlich auch. Tomatensoße aber geht gar nicht, und das erwähne ich auch nur, weil bei Nudeln mit Tomatensoße Herrchens Verhältnis zur Teigware in den Blick kommt. 

In seinem DDR-Kindheitsleben nämlich gab es auf dem Nudelsektor allein Spaghetti und Makkaroni. Und da sein Vater Nudeln grundsätzlich ablehnte (er kam aus Kartoffelpommern), bereitete seine Mutter Makkaroni mit Tomatensoße ausschließlich an Montagabenden – wenn der Papa, ein Offizier der DDR-Armee und natürlich steinfester Genosse, zur Parteiversammlung in seiner Kaserne war und spät nach Hause kam.

Erst als es mit der DDR vorbei war, lernte Herrchen die volle Welt der Nudel kennen und die italienische Küche als „die beste der Welt“ (fragwürdiges Zitat von ihm) schätzen. Freilich muss ich dieses ewige Gerede vom kausalen Zusammenhang zwischen Nudeln, Tomatensoße und Parteiversammlung jedes Mal über mich ergehen lassen, wenn Herrchen sich dann doch einmal bequemt, meinen Napf auch mit ein paar Nudeln aus seinen Resten zu füllen. Leider – auch so ein DDR-Kindheitserbe, scheint mir – isst er fast immer alles auf.

Mit Spaghetti im Napf, das will ich noch rasch erwähnen, war es zuerst für mich gewöhnungsbedürftig, aber inzwischen zutsche ich sie nach dem Vorbild meines Neffens. Und finde es wie er absolut lecker.

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