Betreff: Altern
Neulich begegneten wir am alten Müllberg, wo die Wege rund und schlecht einsehbar sind, plötzlich einem Frauchen mit Hund an der Leine, beide uns unbekannt. Ich kam dann auch schnell an die Leine. In solchen Situationen aber – Leine gegen Leine – mache ich bei Begegnungen mit fremden Hunden traditionell Rabatz.
Als ich damit fertig war, stellte sich heraus, dass das Frauchen Hundetrainerin ist und ihr Hund der Vorzeigehund. Und tatsächlich bequemte er sich, als wir endlich unsere Leinen los waren, erst dann zu einem Wettlauf mit mir (den er nicht gewinnen konnte), als sein Frauchen ihm das erlaubte. Ich dagegen nehme mir in solchen Situationen selbst die Freiheit zu rennen, wann und wo ich will, klar. Die Hundetrainerin erzählte, dass Rabatz bei Hundebegegnungen das Hauptthema sei von Leuten, die sich bei ihr zur Trainingsstunde anmeldeten.
Erst fand ich das kurios, weil ich doch gerade selbst eine solche Nummer abgezogen hatte. Aber dann fiel mir ein, dass Herrchen womöglich auf die Idee kommen könnte, mit mir noch einmal zur Hundeschule zu gehen. In meinem Alter!
Ja, über das Alter muss man reden, besonders dann, wenn sich Zumutungen auftun. Wenn man auf ein Menschenjahr sieben Hundejahre ansetzt, wie gern erzählt wird, nähere ich mich dem Alter meines Herrchens. Und mein Herrchen war mir schon bei unserer ersten Begegnung uralt erschienen.
Man sagt auch, dass sich Hund und Herrchen immer mehr angleichen, je länger sie zusammen leben. Tatsächlich sehe ich das auch bei uns. Nicht nur, dass es uns beiden an Männlichkeit fehlt, wir haben auch beide dauernd mit unserer Verdauung zu kämpfen. Beide treibt uns immerzu die Nahrungsaufnahme um, und doch haben wir es bei all dem Gefresse ungesunder Dinge geschafft, schlank zu bleiben. Gesellschaften lieben wir beide nicht, dafür lange Gänge allein oder zu zweit. In der restlichen Zeit des Tages sitzen wir beide gern auf unseren Sofas, wir sind ausgesprochene Coach-Potatoes und mögen auch nicht wegfahren. Beide halten wir außerdem Altern für eigensinnfördernd.
Überhaupt würde ich für uns dick unterstreichen, was Walter Vogt vor Jahrzehnten schon in seinem Roman „Altern“ bemerkte: „Ich bedarf eines Zustandes Mittlerer Bequemlichkeit, Mittlerer Komfortabilität; dieser Zustand darf weder ein aufpeitschender noch ein einschläfernder sein.“
Und schließlich nähere ich mich neuerdings sogar Herrchens Lebensauffassung, dass pessimistische Gedanken realistische Gedanken seien und alles andere Schönfärberei. Wenn es mal wieder ganz dick kommt, bietet uns wiederum Walter Vogt Trost: „Die Fünfundsechzigjährigen eignen sich, scheint es, besonders gut zur Pensionierung. Mit achtzig ist ein Mann, eine Frau dann wieder wer.“ Allerdings ist unser Tröster Vogt keine achtzig geworden, die sechzig hat er gerade noch so geschafft. Herrchen und ich sind schon jetzt viel älter.

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