Betreff: Auszeit
Neulich ist auch Herrchen mal abgehauen. Für zwei Tage war er weg, unterwegs im Havelland, in Brandenburg also. Er wollte Orte besuchen, die er von seiner Kinderzeit her kennt. Allerdings wäre er nur wegen dieser Sentimentalität allein niemals losgefahren. Er wollte auch Recherchen für seinen neuen Roman anstellen, und zwar im Ländchen Friesack.
Damit verbunden war eine Nacht im Hotel, allein, oho. Oder doch nicht allein? Hätte Frauchen misstrauisch werden müssen? Ach, was, wie wir unser Herrchen kennen, so dachten wir und lagen richtig, fällt er schon bald erschöpft ins Hotelbett, um dort eine Nacht lang verzweifelt schlaflos zu bleiben.
Frech fand ich jedenfalls, dass er ohne mich reiste. Beim Abschied habe ich deshalb pflichtgemäß halb empört, halb traurig geguckt. Aber im Grunde genommen war ich froh, an den beiden Hitzetagen seiner Reise zu Hause im Schatten vom Pflaumenbaum herumliegen zu dürfen, umhegt von der exquisiten Betreuung von Frauchen.
War das nun eine Auszeit, die Herrchen genommen hat? Er würde es verneinen, schon wegen des Wortes Auszeit, das für ihn nichts weiter ist als ein hohles Modewort aus der bunten Magazinratgeberwelt für Lebensgestaltung, die er – anders als Frauchen – überaus spöttisch behandelt, schon allein wegen des Rezeptteils: keine Kalorien, kein Fett, kein Zucker, dafür oft der von ihm als widerlich bezeichnete Kreuzkümmel („riecht wie alter Schweiß“).
Gerade weil Herrchen sich da so rüde gibt, erlaube ich mir, es eine Auszeit zu nennen, was mir neulich widerfuhr. Wieder ein Hitzetag, am Abend dann aber mich belebende Kühle. Herrchen und Frauchen waren in ein Gespräch vertieft, da habe ich mich auf dem Grundstück umgesehen und, als mir das zu eng wurde, auch außerhalb. Herrchen fragt sich bis heute, wie es mir gelingen konnte, das zu tun, was er „abhauen“ nennt. Wo ich doch in meinem Alter nicht mehr so über die Zäune hüpfen kann wie früher. Immerhin bin ich noch sportlich genug, auch mal unter dem Zaun durchzugehen. Aber das bitte nicht weitersagen.
Das Reh von nebenan hatte mir jedenfalls die notwendige Motivation für diese sportliche Leistung vermittelt. Als der Reiz nach ein bisschen Lauferei und Hechelei verflogen war, schaffte ich allerdings nicht mehr den illegalen Weg zurück aufs Grundstück und musste empört feststellen, wie lange es dauerte, bis Frauchen und Herrchen mich, immerhin den Wichtigsten im Rudel, zu vermissen begannen. Endlich rief Herrchen, öffnete die Gartenpforte, und ich gelangte mit hängender Zunge an die Gießkannen-Bar, wo ich einen Drink nach dem anderen herunterstürzte und Barkeeper Herrchen kaum nachkam mit dem Einschenken.
Aber dicke Luft war schon. An jenem Abend bestand mein Absacker doch allen Ernstes nur aus eine dünne Scheibe Käse, und die wohl auch nur, weil Frauchen Tilsiter nicht mag. Ich gebe aber zu, dass ich mich darüber nicht weiter aufgeregt habe, denn dieser Mangel an Mitfreude nach einer gelungenen Auszeit scheint der Stil des Hauses zu sein. Als Herrchen aus dem Havelland zurückkehrte, wurde er auch nicht mit Kaffee und Kuchen empfangen, obwohl es von der Zeit gepasst hätte, auch nicht mit einem aufmunternden: „Erzähl, was hast du erlebt?“ Es gab nur Hinweise, was an jenem Abend noch für ihn in Haus und Garten zu erledigen sei. Also dann doch lieber mit einer Scheibe Tilsiter abgespeist werden, sei sie noch so dünn.
Bin auch auf Instagram unter elvis.blog unterwegs.

👍👍👍tja Elvis so sind die Frauen....du hast wenigstens noch eine Scheibe Tilsiter bekommen 😉
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