Betreff: Bein heben
Die Hühnerfarm bei uns um die Ecke wird von einem Pyrenäischen Berghund bewacht. Im Laufe der Zeit habe ich mich mit ihm angefreundet, auch wenn ich nicht einmal sein Namen kenne. Aber es ist immer ein Juchzen und Fiepen, wenn wir uns treffen.
Dann stehen wir am Zaun, ich davor und er dahinter, wir pinkeln und schnüffeln ein Weilchen miteinander herum. Wenn es wie im Eiskunstlauf dafür eine Bewertung gäbe, die A-Note für die sportliche Leistung, die B-Note für die künstlerische, würde er schon wegen seiner Körpergröße bei A super abschneiden. So hoch pinkelt kein anderer. Ich hingegen bin bei B gut aufgestellt, wortwörtlich. Ich pinkle nämlich sehr elegant.
Wir heben das Bein, um weit hinaufzukommen, auch wenn wir uns dabei oft gegen eines unser anderen Beine pinkeln oder wenigstens die Pfote. Je höher, je eindrucksvoller die Botschaft, vor allem die an das weibliche Geschlecht. Wenn es gegen einen Baum geht, klettere ich immer noch ein Stück hinauf. Einmal wäre ich dabei beinahe hintenübergefallen, Herrchen hat mich freundlicherweise gehalten.
Was tut man nicht alles bei dieser gymnastischen Form der Kommunikation, die so klar daherkommt, dass sich Herrchen, Frauchen und überhaupt die Menschen davon etwas abgucken könnten: Es gibt eine Botschaft (indem ich pinkle), ein Medium, über das die Botschaft verbreitet wird (die Pinkelstelle) und die Gewissheit, dass die Botschaft ankommt (bei allen Hunden, die dort vorübergasseln).
So geht gelungene Kommunikation. Ich erwähne das, weil eine meiner Tanten, das Frauchen vom neckischen Rapunzel aus unserer Hundegruppe, eine gelbe Schleife an die Leine gebunden hat. Was das mit meiner Beinheberei zu tun hat? Auch Rapunzels Frauchen will eine Botschaft senden, nämlich: Sie und ihr Hund möchten keine Hundebegegnung, bitte einfach vorübergehen. In Schweden steht die gelbe Schleife an der Leine dafür. Doch bei uns? Wer soll das verstehen? Eher könnten die Leute auf den Gedanken kommen, die gelbe Schleife signalisiere, mit dem Hund sei irgendetwas nicht in Ordnung. Mit Rapunzel aber ist alles in bester Ordnung, sieht man von gelegentlicher Intellektuellenfeindlichkeit ab, wenn sie mich plötzlich angeht, so ich in Gedanken versunken umherschweife.
Nun, vielleicht setzt sich die gelbe Schleife im Alltag eines Tages aber auch durch wie andere Seltsamkeiten, Fahrradhelm, Coffee to go, Bio oder Nichtraucherkneipen. Und Rapunzels Frauchen, auch mir seit Jahren innig verbunden, wäre ein Trendsetter.
Für Herrchen und mich taugt die gelbe Schleife dennoch nicht, selbst wenn sie verstanden würde, ja gerade dann taugte sie uns nicht. Denn wenn sich mein sozial schwieriges Herrchen auch noch aller Begegnungen mit anderen Hunden, Herrchen und Frauchen entschlagen würde, wäre es bei ihm noch langweiliger und einsamer als so schon. Für uns gilt also, dass wir es auf Begegnungen nicht anlegen, sie aber auch nicht meiden wollen. Sie sind eine Bereicherung. Besonders übrigens Begegnungen mit Hunden, die ich nicht leiden kann. Das hilft Herrchens Adrenalinspiegel dann immer erfreulich auf, und meinem sowieso.
P.S.: Um noch einmal auf die Beinheberei und ihre Botschaft zurückzukommen. Wer so elegant sein elegantes Bein heben kann wie ich, der hat der Welt auch wirklich etwas zu sagen. Und spricht nicht dieser Blog für mich und meine Welthaltigkeit? Deshalb bin ich auch auf Instagram unter elvis.blog unterwegs, und gern darf dieser Blog verbreitet werden.

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