Betreff: Hirse

Frauchen und ich, wir haben beide ein großes Interesse an Ernährung. Allerdings meinen wir das gleiche, nicht jedoch dasselbe. Frauchen, die übrigens selbst kaum etwas zu sich nimmt, hört Podcasts zum Thema, spricht mit Ärzten, liest Artikel und besucht Seminare. Was letzteres anbelangt, so spottet Herrchen gern: „In deinem Alter geht man nicht auf Seminare, da gibt man welche.“ Fies, oder?

 

Ich hingegen sehe Ernährung ganz amerikanisch: viel und groß muss sie sein. Herrchen, das ewige Mittelmaß, dürfte zumindest in diesem Punkt eher bei mir sein als bei Frauchen. Für ihn bedeutet Sattsein eindeutig mehr als Genuss, da hat er Frauchen echt nicht verdient. 

Also ist ihm das Thema Ernährung einerseits wichtig, andererseits eben überhaupt nicht. Er steht auch nicht gleich mir wie angewurzelt, den Blick von Frauchen nicht lassend in der Küche, wenn sie so unvergleichlich am Herd hantiert. Ich glaube, an dieser Indifferenz liegt es auch, dass er Frauchens jüngsten Ernährungscoup klaglos hingenommen hat. Hirse nämlich steht jetzt hoch im Kurs bei ihr, die Empfehlung eines Arztes.

Eigentlich hatte ich es als selbstverständlich angesehen, dass Herrchen sich schützend vor mich stellt, sollte am Ende Hirsebrei nicht nur auf seinem Teller, sondern auch in meinem Napf landen. Aber Herrchen driftet mal wieder in seine haltlosen Assoziationen ab und kommt von Hirse auf Brecht, der ihm als Dichter so viel bedeutet. Brecht hat ein Gedicht über Hirse geschrieben, ernsthaft, freilich schon vor fast hundert Jahren. 

Und was heißt Gedicht! Ein Poem ist es mit vielen Seiten, das so klingt: „Josef Stalin sprach von Hirse zu Mitschurins Schülern, sprach von Dung und Dürrewind. Und des Sowjetvolkes großer Ernteleiter nann’t die Hirse ein verwildert Kind.“ Diese Peinlichkeit heißt „Die Erziehung der Hirse“ und berichtet davon, dass durch bessere Bewässerung der Felder die Kolchosen ihren Hirse-Ertrag derart steigerten, dass Hirse „die Grundlage der Soldatenkost der Roten Armee“ im Zweiten Weltkrieg wurde, wie Brecht schreibt, der privat von seinen vielen Frauen bestimmt nicht mit Hirse traktiert wurde.

Als wäre das nicht genug, was gegen die Hirse einzuwenden ist, recherchierte Herrchen noch – zu Frauchens Genugtuung, – dass Hirse, anders als anderes Getreide, in jeder Hinsicht gut für die Ernährung auch des Hundes sei. Da fällt er mir also voll in den Rücken, und ich kann nicht auf ihn bauen, wenn Hirse im Napf droht. 

Folglich muss ich mich dieser Krise selbst stellen. „Das alte Feuer braucht ein neues Scheit“, um mich auch aus Brechts irrem Epos zu bedienen. Ich denke, im Fall des Falles mache ich es mit der Hirse wie seinerzeit mit dem Reis, indem ich mich um großflächige Verunreinigung der Wohnung bemühe. Dann wird mir Hirse wie Reis künftig erspart bleiben, genau wie seinerzeit die Hirse auch Brecht erspart geblieben ist, auch wenn er damit nicht rumgekleckert hat.

Kommentare

  1. Gut so Elvis, immerhin bist du ein Hund und kein Kanarienvogel

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  2. Genau....mein Frauchen füttert mir öfter mal Reis mit einem Schuss Kurkuma und Gemüse mit Möhren und Spargelspitzen als Beilage neben wohlschmeckende Hühner oder Entenherzen..!!😊

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