Betreff: Von Mäusen

Als wir, Herrchen und ich, neulich vom Vormittagsgassigang zurückkehrten, wunderte sich Frauchen, wie lange wir unterwegs gewesen seien. Und sie kritisierte Herrchen, er würde bei so langen Strecken mich bestimmt überfordern. Ich stützte diese These, so überraschend und falsch sie war, sogleich, indem ich mir den Spaß erlaubte, erschöpft zu blicken und ebenso erschöpft mitten in der Küche mich ruckartig hinzuwerfen, als würde ich zusammenbrechen.

 

In Wirklichkeit aber war es bei uns nur wie damals bei Odysseus. Zehn Jahre dauerte dessen Irrfahrt nach Ithaka, also nach Hause, so erzählt Homer. Die meiste Zeit davon aber lebte Odysseus, in jeder Hinsicht, wirklich in jeder, bestens versorgt, bei der Nymphe Kalypso, bevor dann wegen seines Heimwehs der ganze Ärger und die eigentlich Irrfahrt begann.

So schlimm war es bei uns natürlich nicht. Wir sind nur deshalb so lange unterwegs gewesen, weil ich ein paar hundert Meter hinter unserem Haus auf einem abgeernteten Feld einer meiner Lieblingsbeschäftigungen nachgegangen bin – Mäuse jagen. Herrchen stand erst noch da mit seinem Fahrrad und wartete, machte auch ein paar glücklose Anstalten, mich abzuhalten. Doch ich war zu stark abgelenkt, um ihn überhaupt noch wahrzunehmen.

Es ehrt ihn ja, dass er mich gewähren ließ und sich beim Warten nach einer Weile am Feldrain niederließ, wo er dann saß wie einst Tamar am Wegesrand. Wobei der Vergleich hinkt, gebe ich zu. Tamar aus der Bibel saß zielbewusst in Erwartung des künftigen Vaters ihrer Kinder, vor allem der Söhne. Herrchen aber in Erwartung – ja von was eigentlich? Der künftigen Mutter seiner Kinder? An einem abgeernteten Feld? Wohl kaum, aber ich nehme doch an, dass er, von mir angeregt, sich auf seine Weise ebenfalls mit Mäusen beschäftigt hat.

Ich jage echte Feldmäuse, Herrchen meint mit Mäusen natürlich andere, solche auf zwei möglichst langen Beinen. Vielleicht hat er an seine Mäusejagden zurückgedacht, die von damals. Er hätte dann jedenfalls seine Zeit mit der billigsten Unterhaltungsform ausgefüllt, die es überhaupt gibt: der Mäusejagd in Gedanken. Da war ich wesentlich konkreter.

Schon lustig, wofür Mäuse so alles stehen. Komisch auch, dass sie als Nager denkbar schädlingsunbeliebt sind, dann aber auch wieder so possierlich daherkommen, dass ein possierlicher Vertreter des weiblichen Geschlechts als Mäuschen durchgeht. Aber so gesehen ist es gar nicht abwegig, wenn Herrchen immer wieder mal von Mäusen spricht und dabei eben nicht meine Feldmäuse meint. Seine Lebenserfahrung mit seinen Mäusen sagt ihm, er mag das Possierliche und bekommt den Nager. Wenn er überhaupt etwas bekommt.

Denn das eint unsere Jagden auf Mäuse, seine und meine – ihre komplette Erfolglosigkeit. Und jetzt mal ehrlich: Gott sei Dank, dass es so ist, für ihn wie für mich.

Um auf unsere späte Gassirückkunft zu Hause zurückzukommen, am Ende tat mir Herrchen sogar leid. Nicht wegen der Kritik von Frauchen, Herrchens betretenes Gesicht erheiterte mich eher. Mir fiel nur auf: Da waren wir nun schon so spät dran, aber das Mittagessen stand immer noch nicht auf dem Tisch.

Kommentare

  1. 😀😀😀👍👍👍na sowas, das Mittagessen noch nicht auf dem Tisch,???!! Aber mit Herrchen meckern??🤔🙄😇

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