Betreff: Napf
Neulich waren wir in unserer Kreisstadt. Wir wohnen im größten Landkreis Deutschlands. Größter Landkreis sind wir aber nur wegen der Fläche, und die Fläche ist deshalb so groß, weil so wenige Menschen dort leben – ein Umstand, den Herrchen und ich durchaus zu schätzen wissen. Allerdings wird bei diesen Verhältnissen die Fahrt in die Kreisstadt schon zu einer zweistündigen Reise.
Ich selbst hatte in der Kreisstadt keine Verpflichtungen, hockte also die meiste Zeit im Auto. Nur zwischen seinen Terminen machte Herrchen mit mir Spaziergänge. Der erste führte uns über die weitläufigen Grünanlagen um das Landratsamt herum, architektonisch wie olfaktorisch ohne jede Anregung. Der zweite Spaziergang in einem Plattenbaugebiet, ähnlich niveaulos, endete damit, dass wir einen Napf auf der Straße vergaßen, in dem mir Herrchen ein Getränk angeboten hatte – statt eines anständigen Mittagessens, so dass ich den Napf einfach hatte stehenlassen.
Ich würde wohl kaum auf jenen vergessenen Napf hier zu sprechen kommen, erst recht nicht auf einen im Prinzip leeren, hätte es mit diesem Napf nicht eine besondere Bewandtnis, so dass sein Verlust uns doch berührte. Mit diesem Napf ist es wie mit der kleinen arrogant blickende Möwe in unserem Haushalt, einem billigen Produkt aus Stein von der Insel Fehmarn, aber derart angereichert mit Erinnerungen von Herrchen an einen blauen Möwenhimmel einstiger größter Verliebtheit, so dass Herrchen den neulich abgefallenen Schnabel gleich wieder sorglich anleimte. Wo er es doch sonst mit dem Praktischen nicht so hat. Ich meinte sogar, ein leises, träumerisches Seufzen bei ihm gehört zu haben, als er mit dem Leim dastand. Tja, damals...
Man könnte auch sagen, mit diesem Napf ist es wie mit der absurd hässlichen Plüsch-Gemse in Herrchens Bücherregal, die ihn an einen Österreich-Urlaub erinnert, der ihm, wo er doch so ungern reist, sogar gefallen hat – lange vor meiner Zeit freilich, aber immerhin schon mit Frauchen.
Unser Napf ist unpraktisch groß, von schlechtem Material und albern, weil darauf lauter Knochen abgebildet sind. Knochen steht für Hund, das wird wohl auch allgemein verstanden, selbst wenn ich den Hund sehen möchte, der in seinem Napf einen Knochen vorfindet. Dass der Napf auf uns gekommen ist, hängt nun allerdings mit einer sehr traurigen Geschichte zusammen; er stammt aus einem Nachlass. Gerade deshalb machte es uns so zu schaffen, dass wir ihn verloren hatten. Jeder warf dem anderen vor, nicht richtig aufgepasst zu haben. Für mich indes – Napf hin, Napf her, Erinnerung hin, Erinnerung her – war bei aller Traurigkeit wichtig, dass meine Versorgung keine Sekunde lang gefährdet war, denn es gibt genug Näpfe in unserem Haushalt.
Zwei Wochen später fuhren wir abermals in die Kreisstadt. Unterwegs fiel Herrchen ein, doch noch einmal an der Stelle nachzusehen, wo wir unseres Napfes verlustig gegangen waren. Natürlich stand der Napf nicht mehr da.
Aber ich schnüffelte dann noch ein bisschen auf der danebenliegenden Wiese umher. Und siehe, da lag er, so hässlich offenbar, dass ihn keiner mitnehmen wollte. Die Freude war groß, aber dann doch auch wieder eingeschränkt, jedenfalls bei mir: Glaube doch keiner, dass ich beim Abendbrot zu Hause das Ding mal richtig gefüllt bekommen hätte, und sei es nur dieses eine Mal zur Feier des Tages.

Ach du armer Elvis , lässt dein Herrchen dich ständig hungern, selbst, wenn du eine gute Tat vollbracht hast.. .!!!!
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