Betreff: Hasennaht
Unbeeindruckt von den Verrücktheiten des amerikanischen Präsidenten, von denen er bei dieser Gelegenheit fast täglich erfährt, liest Herrchen jeden Morgen die Zeitung. Er frühstückt dabei und trinkt still seinen Tee. Er regt sich aber furchtbar über Kleinigkeiten auf, etwa wenn ich einen Futter-Dummy schreddere, so wie neulich.
Die amerikanische Demokratie gibt es seit dreihundert Jahren und gerät dennoch nach so langer Zeit in die Krise. Unsere Futter-Dummy-Übungen hingegen machen wir noch keine zwei Jahre, da kann ein geschredderter Dummy nicht als Krise gelten, sondern als natürlicher Verschleiß. Die Amerikaner haben ihren Präsidenten mit Machtvollkommenheit ausgestattet. Mein Dummy hingegen war leer, denn die eigentliche Übung für das Apportieren mit dem gefüllten Dummy hatten wir schon hinter uns. Ich hatte mir den leeren Dummy am Ende nur so geschnappt. Und dafür möchte ich zwei Gründe anführen, um Herrchens Kritik klar zurückzuweisen.
Zum einen hatte ich Spaß daran, ein oft unterschätztes Motiv. Wirklichen Spaß haben wir doch nur, wenn wir etwas Verrücktes, wenig Rationales, vielleicht auch Unanständiges, in jedem Fall aber für andere nicht Verständliches tun. Das sind die Momente, wo wir wenigstens für einen Moment uns und unsere Welt verlassen, wo wir neben uns treten, um einfach das Leben einmal gut zu finden.
Herrchen kennt das doch auch, wenn er unter Frauchens verachtendem Augenrollen einen Lindt-Pralinenkasten kauft und innerhalb kürzester Zeit kaltmacht. (Hier eine Einfügung von Herrchen: Braucht schon ein paar Tage! Und was heißt hier kaltmachen?) Herrchen handelt an dem Pralinenkasten genau wie ich an dem Dummy: abhauen damit, sich eine stille Ecke suchen, das Ding rücksichtslos aufreißen.
Wobei ich wenigstens meine Zähne habe, er bestenfalls den Fingernagel. Das führt dazu, dass er häufig mit seinem Lindt-Kasten eine Szene bietet, wie es sie in einem der uralten Filme mit der Olsenbande gibt. Sie spielt auf einem Flughafen, und der dicke, immer hungrige Kjeld versucht, ein in Folie verschweißtes Essen aufzubekommen. Aber die Folie reißt nicht, auch wenn er sie meterhoch zieht. Ossis haben darüber einst gelacht wegen der Komik an sich. Wessis, hätten sie solche Filme geguckt, hätten darüber gelacht, weil Kjeld nur die Karikatur ihres eigenen anstrengenden Folien-Alltags zeigte, den es im Osten mangels Folie gar nicht gab.
Pardon für die Abschweifung. Ich komme jetzt zum zweiten Grund meiner Dummy-Schredderung. Es war eine Stellvertreterhandlung, wie sie wohl jeder kennt und wie sie uns seit Jahrtausenden begleitet. Das Bild von einer Sache tritt als die Sache selbst auf. Das Bild wird angebetet, umhergetragen, zerschlagen, gekreuzigt, geohrfeigt oder getreten, weil so etwas mit der Sache selbst nur schlecht möglich wäre. Es war von mir also eine überaus sublime Handlung, nicht den Hasen als solchen zu fangen, zu schütteln und dann aufzureißen, sondern nur einen Dummy.
Herrchens Genörgel deswegen scheint mir also fehl am Platz. Er hätte im Gegenteil mich loben, ja geradezu meine Zuneigung zu ihm und mein Verständnis für seine Erwartungen erkennen sollen. Aber bei ihm ist nun einmal nichts sublim. Herrchen würde es offenbar besser verstehen, wenn ich mir den richtigen Hasen griffe. Aber da lacht Herrchen nur höhnisch: „Einen Hasen erwischst du sowieso nicht, und aus Ärger vergreifst du dich dann wieder zu Hause sublim, wie du es nennst, an deinen Plüschhasen. Kennen wir. Solche Albernheiten solltest du mal selbstkritisch zum Thema machen, und dich dann auch bei Frauchen entschuldigen, die dauernd Hasen nähen muss.“

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