Betreff: Regenüberlauf
Dachsgeruch hat für unsereinen etwas Prickelndes. Sich in Dachsgeruch zu wälzen, ist das größte. Wer das kann, hat nämlich den Dachs erledigt. Wo dem Dachs doch nachgesagt wird, kein Hund könne gegen ihn bestehen. Vor allem die Dackel, die ihm in den Bau folgen, bleiben ohne Chance: Er gräbt sie lebendig ein. Furchtbar.
Und dann gibt es auch noch den Honigdachs, der als das härteste Lebewesen der Welt überhaupt gilt und sogar den Biss der Schwarzen Mamba hinnimmt wie unsereins einen Zeckenbiss. Nun ja, der Honigdachs lebt zum Glück nicht bei uns. Auch die Schwarze Mamba nicht. Aber der normale Dachs lebt in einem Regenüberlaufbehälter auf der Wiese hinter dem Haus.
Tausendmal sind wir schon über die Wiese gegangen, jenen Behälter aus Beton haben wir zwar gesehen, aber nie wahrgenommen. Nie gab es Auffälliges, und dann auf einmal: Stimmen. Ein Gequieke unterm Betondeckel. Ich roch den Dachs und war fortan von da nicht mehr wegzubekommen. Herrchen mit seiner zwar großen, aber sinnlosen Nase ging uninspiriert weiter. Er war wohl schon im Nachbardorf, da stand ich immer noch auf unserer Wiese.
Wobei stehen nichts ganz richtig ist. Ich habe mir alles genau angesehen: Den Betonbehälter mit dem Deckel drauf. Das unterirdisch verlegte Rohr, das den Behälter mit einem Graben verbindet, der quer über unsere Wiese führt. Normalerweise fließt da überschüssiges Regenwasser in den Graben. Aber umgekehrt wird das Ende des Rohrs offenbar gelegentlich als Hauseingang benutzt. Ich wollte auf Besuch, aber passte nicht hindurch, vielleicht zum Glück, der dort wohnenden Dachs hätte mich am Ende kaltgemacht wie der Honigdachs in Afrika einen Löwen.
Herrchen kam endlich aus dem Nachbardorf zurück und hätte wohl den Betondeckel zur Seite geschoben, um zu schauen, wer da wohnte, hätte er nicht meine Aufregung bemerkt, die ihm klarmachte, dass ich mich keineswegs auf einen Blick in das Innere und ein Handyfoto beschränken würde.
Kurz darauf erzählte mein Herrchen Ellas Herrchen von dem Gequieke. Ellas Herrchen wusste zu berichten, dass er schon einmal den Deckel abgehoben und darunter ein wohlausgestattete Wohnung gefunden habe, wenn auch leer. Er tippte damals auf einen Fuchs, denn einmal hatte Ella einen Fuchs über die Wiese gejagt – und der war plötzlich verschwunden wie Siegfried unter der Tarnkappe. Eine Tarnkappe wird der Fuchs nicht gehabt haben, er wird sich in der Röhre verkrochen haben.
Jetzt nahm Ellas Herrchen auf unsere Anregung hin den Deckel abermals zur Seite und fand Dachskinder, zwei oder drei. Wir kamen hinzu, als er eben fertig war. Und wie ich noch fasziniert das Betonding anstarrte, spürte ich, wie jemand mir von der Seite seine Zähne in mein schickes Fell jagen will. Der Dachsvater! Die Dachsmutter! So dachte ich. Und ich dachte noch: Jetzt gilt es, Alter.
Aber es war nur Ella, die wohl Anspruch auf die Röhre erhob, weil die dichter an ihrem Grundstück liegt als an meinem. Ich muss dennoch seitdem immer wieder dorthin. Frauchen macht sich wie immer Sorgen deswegen, aber Herrchen winkt wie immer ab. Er sagt, Frechdachs habe er schon früher gelegentlich zu mir gesagt, jetzt gelte das halt wortwörtlich.

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