Betreff: Aus dem Tagebuch
Montag
Wir sind bei uns mal wieder im großen Rudel. Der jüngsten Zugang, vier Monate alt, wird hereingetragen, ich nehme sogleich eine Schnupperprobe. Wohlgeruch. Hoffentlich hat die Kleine es umgekehrt genauso empfunden, wo ich doch manchmal angeblich aus dem Maul rieche.
Dienstag
Herrchen trägt die Kleine immerzu mit sich herum. Ich bin zwar wieder in alle Pflichten eines Familienhundes eingesetzt, kann eine Regung von Eifersucht aber nicht unterdrücken. Ich kneife seine freie Hand, er versteht es richtig und kümmert sich um mich. Klar, ich hätte natürlich auch richtig zubeißen können.
Mittwoch
Wir sind in unserer früheren Kreisstadt, in einem der eher unwirtlichen Viertel. Herrchen und ich tun, was wir, glaube ich, am häufigsten tun: Wir warten auf Frauchen, die in einem der Gebäude verschwunden ist. Ich bemerke, wie die Leute, die an uns vorübergehen, ein Lächeln ins Gesicht gezaubert bekommen, wenn sie meiner Schönheit und Grazie gewahr werden. Mein langes Herrchen an der Leine bemerken sie nicht. Prompt kriege ich wieder die Melonen-Geschichte von ihm zu hören: Herrchen steht zu DDR-Zeiten nach einer Melone an, sehr lange. Dann kommt er endlich zu dem Drahtcontainer, wo die Melonen liegen. Er beugt sich herunten und nimmt eine, worauf hinter ihm die Frau auf seine Schulkter tippt und sagt: „Junger Mann, hinten ist das Ende der Schlange.“ Er hatte die ganze Zeit vor der Frau gestanden, aber wegen seiner Länge hatte sie ihn nicht wahrgenommen. „Größe wird eben nicht akzeptiert“, sagt Herrchen. Das finde ich übertrieben.
Donnerstag
Um noch einmal auf Robert Musil und den „Mann ohne Eigenschaften“ zu kommen. Ulrich, der Hauptheld, räsoniert durch viele Seiten über die Merkwürdigkeit der Gefühle und staunt schließlich: „Dass wir imstande sind, jemanden Hund zu schimpfen, auch wenn wir unseren Hund mehr lieben als unsere Mitmenschen.“ Ich glaube, Herrchen denkt auch so verquer. Mir soll es recht sein, ich bin ja der Hund.
Freitag
Ich rein ins Gebüsch, das Reh auf der anderen Seite, wo Herrchen steht, raus. Statt es festzuhalten, weist er dem Reh auch noch den Weg. Ich verheddere mich in dem Gebüsch. Als ich endlich herausfinde, ist das Reh natürlich weg. Laufe dennoch eine Jagd-Ehrenrunde über die Wiese. Es dürstet mich sehr danach, aber tut gut und bringt Kilometer, wenn Herrchen abends meinen Halsband-Tracker auswertet: insgesamt an diesem Tag 10,40 Kilometer. Herrchen nickt zufrieden.
Samstag
Alle krank, ein Gehuste und Geschnupfe, Geschrei und bei der ganz Kleinen auch Gepupse, ein unglaublicher Geräuschpegel. Ich ziehe mich in den Garten zurück, chille auf der Wiese und noch lieber in den frisch aufgeworfenen Kartoffelhügeln.
Sonntag
Herrchen in schrecklichem Zustand zu seiner lang angekündigten Lesung nach Hohenzieritz, leider ohne meine Begleitung. Als er zurückkommt, erzählt er mir, es sei wohl seiner Angegriffenheit zuzuschreiben gewesen, dass er erstmals in seinem Leben aus eigener Überzeugung gegendert habe. Eine Frau bat ihn, in seinen Roman die Widmung zu schreiben: „Für einen treuen Leser.“ Geschrieben hat er: „Für eine treue Leserin.“ Chapeau.

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