Betreff: Schnapsidee

Neulich musste ich doch tatsächlich sonntags zum Notarzt. Dünnpfiff, sehr übel. Der Warteraum überfüllt. Beim Warten fiel mir der alte FDP-Kalauer ein: Wenn jeder für sich sorgt, ist für alle gesorgt. Bei uns hieß das umgewandelt: Wenn jeder für sich leidet, fällt das kollektive Leiden aus. 

 

Also kein Bellen, Beißen, Rumknurren, Belästigen und so weiter. Es war angenehm still beim Warten zwischen all den Herrchen, Frauchen, Hunden und Katzen, und es hatte auch niemand etwas dagegen, als ich mich mitten im Weg erschöpft ablegte.

Ich will nun nicht behaupten, dass Herrchen ohne Empathie, wie man heute so sagt, dasaß, er blickte durchaus besorgt. Vor allem wohl aus Angst, ich könnte mich auch noch in der Praxis hinten entleeren. Aber es gab nichts mehr zu entleeren. So interessierte sich Herrchen für das Gebäude, das ursprünglich zu einem Gefängnis gehörte. Die Gefängnis-Hausordnung war noch ausgehängt – als Deko.

Herrchen erzählte mir, in diesem Gefängnis habe einst kurzzeitig ein großartiger Schriftsteller eingesessen, der seinen Dichternamen von zwei Märchenfiguren abgeleitet hatte: Hans wie Hans im Glück und Fallada von der „Gänsemagd“ (da heißt das sprechende Pferd allerdings Falada mit nur einem l). Die deutsche Literatur dankt dem Gefängnis den Roman „Der Trinker“.

Dass Fallada hier war, zeigt meiner Meinung nach einmal mehr, wie sehr Haltlosigkeit zur Künstlerexistenz gehört. Mein langweiliges Herrchen schreibt zwar Bücher, aber seine pedantische Uhrzeitgebundenheit und seine ewige Bedenklichkeit machen es ihm unmöglich, es zum Künstler zu bringen. Da bin ich mehr Künstler, wenn ich haltlos und urplötzlich Rehen hinterherjage. Und dann noch dieser sensationelle Blog hier.

Seltsam ist es schon, dass eine früheres Gefängnis heute als Arztpraxis dient. Kommt aber häufiger vor, dass alte Gebäude, die ihren eigentlichen Zweck auch ausstrahlen, heute etwas anderes sein sollen, nur um sie zu erhalten. Herrchen hatte ja auch vor Jahren die Schnapsidee, aus einem alten Trafogebäude ein Wohnhaus zu machen. Eine meiner Tanten lebt dort, die mit dem großen Garten, wo ich mich schon manche Stunde meines Lebens erquickte.

Mit Schnapsideen ist es ja so: An schlechten Tagen gelten sie als irre, an guten als Würze des Lebens. Kenne ich, kenne ich. Unverdrossen gehe ich der Schnapsidee nach, den niedlichen Eichhörnchen auf die Bäume zu folgen.

Achtung! Herrchen liest am Mittwoch, 3. Juni 2026, im Antiquariat von Neustrelitz, dem Hafenspeicher, aus einem seiner Krimis. Los geht es 19 Uhr. Ich bin von den Veranstaltern eingeladen worden, Herrchen zu begleiten. Vielen Dank dafür. 

 

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Betreff: Thermomix

Betreff: Sammeln

Betreff: Schoßhund