Betreff: Very british
Herrchen und ich, wir haben viel übrig für das, was gemeinhin als „very british“ gilt, wozu bekanntlich auch eine besondere Neigung zum Leben auf dem Land und zu Hunden zählt. Allerdings handle ich wirklich britisch, während Herrchen nur im „British Shop“ einen Strickjacke kauft und damit glaubt, britisch zu wirken.
Wenn sich fremde Hunde an mich heranmachen, dann lasse ich die abtropfen wie der britische Premier Starmer die Tiraden von Donald Trump abtropfen lässt. Wenn die Postbotin kommt empfange ich sie mit allem Pomp, zu dem ich fähig bin, so wie das englische Königshaus Trump mit allem Pomp der Tradition empfangen hat. Und wie Trump sich sichtlich geschmeichelt fühlte vom Glanz der britischen Monarchie, während man in der Königsfamilie keine Miene verzog, so ist auch die Postbotin von mir beeindruckt, ohne dass sie ahnt, dass ich insgeheim über ihre Aufregung lächle. Das britische Königshaus und ich beherrschen nämlich die Kunst, bei gleichgültigem Gesichtsausdruck mit dem Auge ironisch zu zwinkern.
Herrchen dagegen klagt, dass es keine Übersetzung der Erinnerungen von Boris Johnson gibt, die er so gern lesen würde. Könnte er englisch, wäre das kein Problem. Englisch zu lernen, dafür fehlt ihm das Talent. Dafür haben wir aus dem „British Shop“ Handtücher mit Hunden drauf, eine Schürze mit Hunden drauf und eine Keksdose mit Hunden drauf, die inzwischen dafür verwendet wird, meine Altersversorgung bar einzubezahlen.
Ich mache mir nichts vor. Mein Bauch hängt ein bisschen zu tief und ist zu dick, um aufrichtig als sportlicher englischer Hund durchzugehen, auch wenn das mit dem rotbraunen Fell schon elegant passen würde und meine Schnelligkeit Legende ist. Herrchen hingegen trägt alberne Jacketts, die Lederflecken auf den Ellenbogen haben – eine Sache, die schon vor Jahren einer seiner Kollegen bei der Zeitung als niveaufrei entlarvt hatte, denn die Lederflecken seien ursprünglich ja aufgetragen worden „aus schierem Phlegma: warum ein neues Jackett anmessen lassen, wenn man noch eines hat oder besser neunzehn, die meisten davon aus dem Burenkrieg“. Immerhin trägt Herrchen die Jacketts nicht auch noch beim Gassigang, die Strickjacke ist mir peinlich genug.
Ich hingegen verstehe mich auf echtes Understatement. Damit ist eine Art des Auftretens gemeint, die zurückhaltend erscheint, in Wahrheit aber großes Selbstbewusstsein verkörpert und in seiner Eleganz die anderen, die Stillosen, stillos aussehen lässt, so wie Donald Trump bei seinem London-Besuch. Zumal britisches Understatement auf stilvolle Art erlaubt, sich gelegentlich danebenzubenehmen.
Womit wir wieder bei Boris Johnson wären, dessen Hund Dilty – ein Jack Russel und wie ich einst aus dem Tierheim gekommen –, die Beine von Mitarbeitern in Downing Street besprang und auf dem Landsitz wertvolle alte Möbel anknabberte. Ich tat vergleichbares, als ich mich very british des Oberarms der Postbotin bemächtigte und in meinem früheren Leben ganze Wohnzimmereinrichtungen zerlegte. Inzwischen allerdings, älter geworden, beschränkt sich mein Understatement darauf, stilvoll im Wege zu liegen.
Achtung! Am 17. Mai, einem Sonntag, dem Internationalen Museumstag, liest Herrchen im Saal des Schlosses Hohenzieritz aus „Die Hofdame der Königin Luise“, Beginn 15 Uhr, Eintritt kostenlos.

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