Betreff: Einhorn
Neulich sagte die junge Mutter in unserem Rudel, sie habe einen Einhorn-Moment erlebt. Sie meinte damit den Umstand, dass ihr Jüngstes unter einem lustigen Spielebogen schlief und der etwas Ältere daneben selbstvergessen vor sich hin baute mit seinen – wie man früher gesagt hätte – Bauklötzchen, heute Duplos. Die Mutter konnte sich einfach zurücklehnen und das Muttersein genießen.
Herrchen hatte an diesem Einhorn-Moment einen gewissen Anteil, hatte er doch die Kleine zuvor unter den Spielebogen gelegt und mit allerhand Geraschel, Geklingel und Geträtsche zum Einschlummern gebracht. Da bewährt sich der Langweiler, wenn er andere zum Gähnen und Schlafen bringt. Das soll übrigens auch für seine Romane gelten, man sollte sie in Apotheken verbreiten. Hätte auch einen Vorteil für ihn: Apotheken gibt es mehr als Bücherläden.
Aber ich will nicht abschweifen. Ich will nur darauf aufmerksam machen: Was sind fünf Minuten vergebliche Jagd auf ein Reh gegen lebenslange Jagd auf Einhörner, die es gar nicht gibt? Ein gutes Argument, finde ich, wenn das Genörgel wegen Hase und Reh bei Herrchen mal wieder kein Maß kennt.
Denn Herrchen hat doch auch dauernd seine Einhorn-Momente, wenngleich nicht im Zusammenhang mit schlafenden und spielenden Kindern und schon gar nicht mit Rehen und Hasen. Sondern wenn eine distinguierte Freundin aus der Hundegruppe bunte Einhorn-Socken trägt, Herrchen ein Einhorn für mein Spielzeug-Equipment erwirbt oder bei dem Lyriker H.C. Artmann in einem Gedicht von 1975 liest: „dort kommt das einhorn wohl ans gatter,/ man labt es gern mit milch und most,/ ist ihm aus herzenstief gevatter,/ in juliglut, dezemberfrost.“
Nicht zu vergessen die „Strudlhofstiege“ von Heimito von Doderer, einer von Herrchens Lieblingsromanen. René von Stangeler und Paula Pichler lernen sich unter einer Einhorn-Darstellung kennen. Sie wechseln von dort ins Kaffeehaus, die Sache spielt schließlich in Wien, und hier erzählt Stangeler irgendeine Einhorn-Erlösungsgeschichte, bei der Jungfrauen in tiefen Wäldern vorkommen, denen das Einhorn sein Haupt in den Schoß zu legen hat.
Stangeler legt sein Einhorn im Verlaufe des Romans in so manchen Schoss, wenn auch keinen jungfräulichen. Doch nie in den von Paula Pichler, die ist viel zu lebensklug, um sich auf den windigen René diesbezüglich einzulassen.
Oh, das war jetzt zweideutig, ich kehre flugs zur Sache zurück. Mein großer Einhorn-Moment wäre, wenn ein echtes Einhorn hinten über unsere Wiese galoppierte und ich es bei meinem immer noch akzeptablen Speed erwischen würde, denn Einhörner sind bestimmt nicht so flink wie Rehe oder Hasen. Würde ich es erwischen, hätte ich sozusagen den gedoppelten Einhorn-Moment und käme damit garantiert in die Zeitung. Während Herrchens Einhorn-Moment in diesem Fall wohl darin bestünde, seine Brieftasche zu zücken, wenn ausgerechnet er die Jagd ausgerechnet auf ein Einhorn zu verantworten hätte.
Bis dahin bleibt mir nur die Plüscheinhornjagd mit Quietschmoment beim Draufbeißen. Von Trixie, falls das jemanden interessiert. Zum Entsetzen von Herrchen mit Regenbogenmähne und Regenbogenschweif.

Kommentare
Kommentar veröffentlichen