Betreff: Vollpfosten
Alles fing damit an, dass Herrchen eine Fahrt ins Blaue unternahm. Ohne mich. Natürlich fuhr er nicht wirklich ins Blaue, würde er nie tun. Er wusste genau, was er bei wem wollte und wozu. Aber er war in Sachsen-Anhalt unterwegs, und da ist doch die AfD so stark, stärker als bei uns in Mecklenburg. Seit der AfD hat die „Fahrt ins Blaue“ wegen der Parteifarbe etwas Doppeldeutiges bekommen.
Als Herrchen losfuhr, war ich schon mal verärgert. Kurz darauf habe ich es dann in meinem Ärger im Fischergang so richtig krachen lassen, als Frauchen und ich auf einen mir unbekannten Hund trafen. Ich zog böse an der Leine, die Leine zog böse an Frauchens Finger, und zwar so lange, bis ein Stück Haut böse weg war. Hat geblutet wie Sau.
Frauchen sogleich zum Arzt, wo ihr ein turbanartiger Verband um ihren Finger zuteil wurde, recht hübsch. Da ich zu ihrer Ärztin nicht mitdurfte, hatte sie mich derweil bei meiner Garten-Tante in der Nachbarschaft untergebracht. Ich war inzwischen derart auf Adrenalin, dass ich es nun auch da, in meiner eigenen Straße, habe krachen lassen, im Wortsinn. Am Zaun immer laut hin und her, sobald sich jemand auf der Straße zeigte. Wohl ein dutzendmal habe ich lauthals den Weg gemacht, problemlos, doch auf einmal stand da ein Pfosten im Weg.
Dann weiß ich nichts mehr.
Als ich wieder zu mir kam, stand der Pfosten schief in der Erde und Frauchens Gesicht, über mich gebeugt, sah gar nicht gut aus, vermutlich wegen des Blutverlusts an ihrem Finger. Mein Kopf fühlte sich an, als würde ich „Finnegans Wake“ im Original lesen oder als würde Ramstein in meinem Schädel ein Konzert geben.
Nun ja. Als mein blaues Herrchen – kleiner Scherz – abends nach Hause kam, war indes alles wieder im grünen Bereich. Ich war beim Arzt gewesen, meine Pupillen zeigten sich wieder etwas lebendig, meine Wunden waren schon so gut wie verharscht, und dank pharmazeutischer Hilfe fühlte ich mich schmerzfrei.
Mein blutarmes Frauchen hingegen sah noch immer sehr schlecht aus. Sie hatte sich derweil meiner Auffassung angeschlossen, dass Herrchens Abwesenheit von Übel sei. Am Morgen, als er das Haus in Richtung Sachsen-Anhalt verließ, hatte sie noch eine gegenteilige Meinung vertreten.

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