Posts

Betreff: Spätzle

Bild
Ein Problem bei Herrchen ist, dass er nicht im Jetzt und Hier zu leben versteht. Immerzu denkt er schon weiter, als könne er die Zukunft erkennen, zum Beispiel was demnächst schon wieder mit mir sein könnte. Oder wenn er doch mal im Augenblick steckenbleibt, dann nur, um ein Handyfoto zu machen oder an einem Gedicht zu bosseln, sozusagen als Foto in Sprache. Da kann ich ihn nur bedauern, nie entspannt, nie wirklich hingewandt und aufrichtig achtsam.   Was könnte er sich an mir ein Beispiel nehmen. Neulich lag ich chillend und von unten gekitzelt auf der kürzlich abgemähten und beräumten Blumenwiese in unserem Garten, schön in der Sonne, herrliches Peeling-Feeling. Das hätte noch ein paar Stunden so gehen können. Aber nein, Herrchen rief mich ins Haus, allerdings nur um es seinerseits zu verlassen und mich meinem Schicksal zu überlassen. Nun weiß ich natürlich, dass Herrchen meine Neigung nicht goutiert, es mir auch ohne ihn in meinem Heim gemütlich zu machen. Ich weiß, dass er ch...

Betreff: Alltagsrassismus

Bild
In meinem Pass steht zu meiner Rasse nur Labrador-Mix. Schon das Wort Mix! Es wird immer dann verwendet, wenn man nicht mehr weiß, was es tatsächlich ist. Wir kennen das vom Wetter. Wenn ein Mix aus Sonne und Wolken angekündigt wird, ist eigentlich überhaupt kein Wetter zu erwarten.    Mix im Zusammenhang mit mir klingt, als würden alle möglichen Hunde ihren Anteil daran haben, mich er- und gezeugt zu haben. Dabei habe ich einerseits tatsächlich Labrador in mir, andererseits Belgischen Schäferhund, auch Malinois genannt. Also nichts mit Mix, alles klar und überschaubar, und nicht die schlechteste Mischung aus zwei wunderbaren Rassen. Aber eben nicht reinrassig. Muss ich mich deswegen schämen? Der entscheidende Punkt ist doch meine Einzigartigkeit, unabhängig von allem Rassedenken. Was macht mich einzigartig? Meine Schönheit wird allgemein bewundert, ich bin überaus sportlich und entscheidungsfreudig. Ich habe Takt und Stil, und das alles nicht in einem unbestimmten Mix, sond...

Betreff: Ohrenvergleich

Bild
Frauchen mag Kartoffelchips, Herrchen Lindt-Schokolade und ich getrocknete Ohren von Kaninchen oder Rindern. Wobei man diese Vorlieben dann auch gleich wieder differenzieren muss. Frauchen mag nur bestimmte Sorten von Chips, Herrchen keine gefüllte Schokolade, und ich bin nicht unbedingt ein Fan von Kaninchenohren mit Fell. Auch Ohren vom Schwein finde ich eigentlich nicht so toll, aber einmal bekam ich eines von einem Gast aus Berlin in die Pfote gedrückt, das in Umfang und Geschmack narkotisierend war – ich berichtete seinerzeit. In Berlin ist die Versorgung einfach besser als bei uns auf dem Land.   Zu meinem Geburtstag schenkte mir meine Tante, die mich schon aus Tierheimzeiten und damit viel länger als Herrchen kennt, ein getrocknetes Büffelohr. Ich bekam es nicht direkt, sondern es wurde Herrchen in die Hand gedrückt, um es bei Gelegenheit an mich weiterzureichen. Das ist wie in den Bund-Länder-Beziehungen. Der Bund, hier meine Tante, reicht etwas an die Länder, hier Herrchen...

Betreff: Aus dem Tagebuch

Bild
Montag Herrchen lobt beim abendlichen Tagesauswertungsgespräch: „Sieh an, heute mal ohne Zwischenfälle. Ohne Jagerei, ohne Kläfferei mit anderen Hunden. Geht doch.“ Und ich denke: Da ist es wieder, dieses Zeitgeist-Ohne, das ich schon ab und an hier beklagen musste. Wo sind wir bloß hingekommen? Manchmal sagt er ja auch, wenn nichts los ist, „zwischenfallfrei“. Ich finde es besonders perfide, wenn auch noch aus dem Ohne, einem Mangel also, ein Frei wird, also Freiheit. So wie bei „laktosefrei“ und dergleichen Einschränkungen des Lebens. Für mich steht, unumwunden sei es gesagt, ein „Tag ohne Zwischenfälle“ ausschließlich für das eine Ohne oder den einen Mangel, nämlich dem an Lebensfreude und Spaß.   Dienstag Herrchen sagt, individuelle Freiheit und Rudelverantwortung gehörten zusammen. Natürlich sagt er das als Teil einer Strafpredigt wegen in seinen Augen nichtrudelgerechten Verhaltens. Er könnte auch gleich sagen, Freiheit sei die Einsicht in die Notwendigkeit. Damit sind sc...

Betreff: Am Stammtisch

Bild
Teckel: Jesses, wo waren Sie denn unterwegs? Die Zunge hängt Ihnen ja sonstwo. Hier, bedienen Sie sich, mein Trinknapf, Brunnenquell, ganz frisch. Es muss Sie ja furchtbar dürsten.   Ich: Danke, danke. Ich war auf der Jagd, erst ein Fuchs, dann ein Reh, volles Programm. Teckel: Auf der Jagd, soso. Und keinen Erfolg gehabt? Ich: Der Weg ist das Ziel. Teckel: Nun, dann war es keine Jagd. Bitte mir den Einwand nachzusehen. Ich: Woher wollen Sie das wissen? Teckel: Weil ich ein Jagdhund bin, im Gegensatz zu Ihnen. Ich: Sie? Mit ihren Stummelbeinen? Das ist doch albern. Hier, fühlen Sie mal meine Hinterläufe, wenn Sie da bei meiner Höhe überhaupt ankommen. Das sind Muskeln, was? Teckel: Klar, aber sie taugen, wie mir scheint, nur zum sinnlosen Losstürmen. Oder hat Ihr Herrchen Sie losstürmen lassen? Ich: Natürlich nicht. Der war sauer. Teckel: Sehen Sie, dem sind Sie einfach abgehauen und haben ihn hilflos stehen lassen. Ich: Na, nichts Besonderes, hilflos ...

Betreff: Pluralis majestatis

Bild
Susi hat es mit dem Rücken. Susi ist ein Dackel, bei Dackeln sind die Rücken lang, da kann sich viel Schmerz ansiedeln. Neulich trafen wir Susi bei meiner Hausärztin, die also offenbar auch die ihre ist. Susi trat zusammen mit ihrem Frauchen aus dem Behandlungszimmer, als wir im Warteraum gerade eingetroffen waren.   Herrchen fragte natürlich gleich mitfühlend, was mit Susi los sei. Ihr Frauchen antwortete: „Wir haben Rücken. Schon eine ganze Weile, die Spritzen haben uns bislang auch nicht geholfen. Aber wir hoffen natürlich, dass es uns endlich wieder besser geht.“ Herrchen nahm diese merkwürdige Redeweise sogleich auf, indem er sagte: „Und wir haben eine schlimme Pfote, ist aber schon deutlich besser.“ Dabei hatte Herrchen keineswegs eine schlimme Pfote, er hat ja überhaupt keine Pfote, so wenig Susis Frauchen Rückenschmerzen hatte, wenn auch immerhin einen Rücken. Ist das nicht eine seltsame Form des Pluralis majestatis, wenn das Wir verwendet wird, als wären wir eines, Her...

Betreff: Der Hase als Nashorn

Bild
Wer Verschwörungstheorien oder anderen kruden Gedanken anhängt, dem fehlt ein Hund. Nun wird kein Verschwörungstheoretiker sagen, dass er einer sei. Er hat es aus seiner Sicht schließlich mit der Realität zu tun, meistens einer bitteren, schrecklichen, die ihm viele Sorgen bereitet, da kann sein Wohlstandsalltag friedlich dahindümpeln wie er will. Also wird ihm auch der Hund fernliegen.   Aber ich muss doch feststellen, dass alle aus unserem weiteren Bekanntenkreis, deren Gedanken diese etwas seltsame Wege gehen, keinen Hund haben. Umgekehrt ist es so, dass Herrchen durch mich gar nicht auf den Gedanken kommen kann, seltsame Gedanken zu haben. Denn wir Hunde lenken ab, indem wir zeigen, wie vernünftig es ist, die Dinge so zu sehen und zu nehmen, wie sie wirklich sind. Wir können uns zum Beispiel nicht mit der Frage aufhalten, ob der dahinhoppelnde Hase womöglich ein Nashorn ist. Ich würde mir außerdem empfindlich selbst schaden, wenn ich Frauchens Leistungen in der Küche für Gift b...